Familie, Gartenbegegnungen

Ein Versuch, mehr nicht

Man kann sich ja schon fragen, ob es nicht Besseres zu tun gäbe, als in der Erde zu wühlen, Pflänzchen zu ziehen, Blumenbeete anzulegen, Brennnesselgülle anzusetzen und sich mit Krautfäule, Mehltau und Mosaikvirus herumzuschlagen. Wir haben ja weiss Gott wichtigere Probleme auf dieser Welt.

So ähnlich dachte wohl auch der sehr aufrechte und sehr um mein Seelenheil besorgte junge Mann, der mich mal fragte, wie ich es denn eigentlich verantworten könne, so viel Zeit im Garten zu verbringen, wo die Welt doch gerade vor die Hunde gehe. Das Jüngelchen nervte mich gewaltig, hatte er doch keine Ahnung davon, wie unausstehlich eine Mutter mittleren Alters werden kann, wenn sie nicht hin und wieder die Gelegenheit bekommt, draussen im Garten nach ihrem verlorenen Verstand zu graben. (Andere Mütter mögen andere Strategien haben, um ihren Verstand wiederzufinden, aber irgendetwas in der Art brauchen wir wohl alle, um mit dem ganz alltäglichen Wahnsinn klarzukommen.) Da mischte sich einer, der noch komplett grün hinter den Ohren war und nicht den leisesten Schimmer von meinem Leben hatte, in meine Angelegenheiten ein, gerade so, als hätte ich ihn um seinen ach so weisen Rat angefleht.

Aber zurück zum eigentlichen Thema: Der sehr aufrechte und sehr um mein Seelenheil besorgte junge Mann nervte mich also gewaltig – und doch musste ich mir insgeheim eingestehen, dass mir der Gedanke, den er ansprach, nicht gänzlich fremd ist. An manchen Tagen, wenn meine Twitter-Timeline mal wieder voll ist von Meldungen über das Elend in den Flüchtlingslagern, den Hass und die Gewalt gegen Frauen, die Gier nach Geld, die Zerstörung der Natur, das Wüten des Virus, … dann denke ich hin und wieder schon: „Und du machst dir ernsthaft Gedanken darüber, ob du den Fingerhut vor oder hinter dem Haus pflanzen sollst und ob du es in dieser Saison doch nochmal mit Rosenkohl probieren sollst? Ganz schön biedermeierlich …“

Nein, ich brauche wahrlich keinen Besserwisser, der mich auf trübe Gedanken bringt, ich bin durchaus selbst in der Lage, mich angesichts des Weltgeschehens in einen tiefen Pessimismus hineinzusteigern und mir ein schlechtes Gewissen einzureden.

Und doch bleibe ich selten bei Pessimismus und schlechtem Gewissen stehen. Zu sehr fühle ich mich verantwortlich für das Fleckchen Erde, auf dem sich fast mein ganzes Leben abspielt. Soll ich es vielleicht zur Steinwüste verkommen lassen, in der sich kein Käferchen, kein Pflänzchen und schon gar kein Mensch wohlfühlt? Muss ich nicht wenigstens hier, wo ich ohnehin kaum wegkann, weil andauernd jemand etwas von mir braucht, dafür sorgen, dass die Welt ein wenig bunter und blumiger – und damit hoffentlich ein kleines bisschen besser – wird? Sind all die Gartenbegegnungen, bei denen mir wildfremde Menschen von ihren Kindheitserinnerungen erzählen, denn nichts wert? Ist es wirklich so falsch, meinen Kindern die Erfahrung mit auf den Weg zu geben, wie viel besser eine Tomate schmeckt, die keinen weiten Weg zurückgelegt hat, sondern eben noch von der Sonne beschienen wurde? Schadet es ihnen vielleicht, jetzt schon zwei, drei Dinge über das Gärtnern mitzubekommen, wo sie doch früher oder später wohl ohnehin auf die Idee kommen werden, ihr eigenes Gemüse zu ziehen, weil das bei uns anscheinend in der Familie liegt? Sollte ich es nicht zumindest versuchen, meinen kleinen Beitrag zu mehr Natur zu leisten?

Natürlich, es ist nur ein kläglicher Versuch, zumindest im Kleinen ein wenig auszugleichen, was im Grossen alles schiefläuft – aber immerhin ist es ein Versuch.

2 Gedanken zu „Ein Versuch, mehr nicht“

  1. Guten Morgen liebe Tamar,
    der Garten ist der beste Platz um sein Seelenheil zu finden.
    Lass dir da nichts einreden.
    Sollen wir uns alle ständig selbst kasteien, nur weil die Welt den Bach runter geht?
    Nein, lieber dafür sorgen dass die kleine Welt um uns herum in Ordnung ist.
    Es wird wieder wärmer und auch mich zieht es nach draußen, auch wenn noch alles nass ist und meine Paprika sowieso nicht vor Mai in die Erde kommen… aber ich kann das Beet ja schon mal vorbereiten 🙂

    lg Linda

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    1. Liebe Linda
      Keine Angst, ich lasse mir das Gärtnern gewiss nicht ausreden. Und bei diesem schönen Vorfrühlingswetter muss ich mich schon sehr im Zaum halten, damit ich nicht zu früh auspflanze, was ich während des Winters vorgezogen habe. 😊
      Liebe Grüsse
      Tamar

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