Aussaat, Blumen, Gemüse

Gibt‘s ja gar nicht

Zu Beginn dachte ich, was wohl die meisten Leute hierzulande denken: Die Gartensaison dauert von März bis November. Pfeifen draussen die ersten Vögel, geht es los, sind die letzten Dahlien verblüht und die Kürbisse geerntet, ist Schluss. Dann wirft man sich mit einem tiefen Seufzer aufs Sofa und schwört sich, die ganze Plackerei im nächsten Jahr bleiben zu lassen – nur um beim ersten Frühlingssonnenstrahl wieder ins Gartencenter zu rennen.

Die meisten Menschen sind mit diesem Rhythmus ganz glücklich, doch einigen reicht das, was sie im Gartencenter bekommen, irgendwann nicht mehr. Spüren sie zum ersten Mal den Frühling, sind dort noch immer nur Erika und Christrosen zu haben. Beim offiziellen Saisonbeginn präsentiert sich die Lage auch nicht besser, dann gibt‘s halt einfach Stiefmütterchen anstelle von Erika. Wer früher anfangen möchte und mehr Auswahl will, muss selber säen. Und dann beginnt die Gartensaison plötzlich schon im Januar …

Eine Zeit lang mag das gut gehen, die Peperoni- und Tomatensetzlinge bringen ausreichend Vorfreude in die grauen Wintertage. Doch plötzlich meldet sich da ganz leise und zaghaft die Frage: Warum eigentlich keine mehrjährigen Blumen ziehen, wo doch schon die ganze Ausstattung für die Anzucht vorhanden ist? Und weil mehrjährige Blumen halt etwas mehr Zeit brauchen als Tomaten, geht man nach der letzten Ernte nahtlos zur ersten Aussaat über. Womit endlich auch die gartenfreie Lücke im Spätherbst geschlossen wäre.

Selbstverständlich lässt sich auch das noch steigern. Wer wollte sich denn im Sommer mit Jäten, Giessen und Ernten begnügen? Wäre doch eine Schande, die Beete im Winter leer zu lassen, also geht es mit der Aussaat weiter, sobald das Sommergemüse im Boden ist. Ist schliesslich das Wintergemüse gepflanzt, sollte man sich ein paar Gedanken zur Stecklingsvermehrung machen …

Und irgendwann wird klar: Die Gartensaison gibt‘s gar nicht, hat dich der Garten nämlich erst mal im Griff, gehörst du ihm das ganze Jahr.

Blumen, Gemüse

Bitte entschuldigen Sie meine Absenz

Es ist wieder diese Zeit im Jahr, in welcher der Garten nicht die kleinste Unpässlichkeit duldet. Zwei, drei Tage mit Fieber und Gliederschmerzen im Bett und schon erwartet dich das pure Chaos, wenn du dich – noch ganz geschwächt und mit zittrigen Knien – endlich wieder nach draussen schleppst.

„Sieh mal an, wer sich auch mal wieder blicken lässt“, höhnen die Nacktschnecken. „Die glaubt aber nicht im Ernst, sie könne uns noch beikommen, nachdem sie dreimal die abendliche Schneckenrunde hat ausfallen lassen. Die wird vielleicht Augen machen, wenn sie sieht, wie wir uns derweilen mit ihren Ritterspornen vergnügt haben …“

Die Blattläuse stimmen natürlich umgehend in den Spott ihrer Schädlingskolleginnen ein: „Die hat aber nicht im Ernst geglaubt, sie könne sich aus dem Staub machen, nachdem sie läppische 90 Marienkäferlarven ausgesetzt hat? Hat die wirklich gedacht, damit könne sie uns in Schach halten? Ist ja fast schon süss, wie naiv die ist.“

Im Gewächshaus werde ich von den Tomaten überschwänglich begrüsst: „Ach, wie haben wir dich doch vermisst! Schau mal, wir haben ganz viele kräftige Triebe wachsen lassen, während du weg warst.“ „Aber das solltet ihr doch nicht, ihr wisst, dass das nicht gut kommt“, tadle ich. „Aber warum denn nicht? Triebe wachsen lassen macht Spass. Sieh nur, wie hübsch der hier geworden ist, der trägt sogar schon Blüten. Und diesen hier musst du dir unbedingt anschauen, der ist fast so dick wie dein Daumen. Beeindruckend, was wir in so kurzer Zeit fertigbringen, nicht wahr?“, plappern sie unbeirrt weiter.

Seufzend zücke ich mein Messer und desinfiziere die Klinge. „Du willst doch jetzt nicht etwa unseren wunderschönen Trieben zu Leibe rücken?“, protestieren die Pflanzen. Doch genau das will ich natürlich, denn was die Guten während meiner Abwesenheit angerichtet haben, ist schlicht nicht tragbar. Damit sie nicht allzu traurig sind, verspreche ich hoch und heilig, auch diese Triebe zu bewurzeln und in Töpfe auszupflanzen – wie ich es bereits mit zehn anderen getan habe.

Hinter dem Haus lässt der orientalische Mohn seine schweren Köpfe hangen. „Wolltest mal wieder nicht auf Monty Don hören“, schimpfen sie. „Wie oft hat er schon gesagt, dass du die Stützen anbringen musst, bevor wir gross und üppig sind – schau bloss, was das gestrige Gewitter mit uns angerichtet hat.“

Auch der winzige Phlox, den ich im Winter gezogen habe, begrüsst mich mit einem Vorwurf: „Weisst du eigentlich, wie lange ich auf dich gewartet habe? Seit Tagen schon wollte ich dir meine allererste Blüte zeigen, aber du lässt dich nicht ein einziges Mal blicken. Ich habe ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, zu verblühen.“

Nachdem ich mich bei dem armen Phlox, der zwar noch etwas kümmerlich, aber wunderschön ist, gebührlich für meine tagelange Absenz entschuldigt habe, bin ich leicht bedrückt. Wie soll mein Garten jemals so werden, wie ich ihn mir erträume, wenn die Dinge schon nach wenigen Tagen Abwesenheit derart aus dem Ruder laufen?

Gerade will ich ein Lamento anstimmen, da fällt mein Blick auf eine fette Marienkäferlarve. Es muss eine derjenigen sein, die ich letzte Woche ausgesetzt habe – und die in dieser kurzen Zeit am üppigen Blattlaus-Büffet offensichtlich kräftig zugelangt hat. „Mach dir bloss keine Sorgen“, sagt sie fröhlich, „wir haben die Sache ziemlich gut im Griff – auch wenn es im Moment noch nicht ganz danach aussieht.“

Aussaat, Blumen, Gemüse

Funktioniert auch drinnen

Die Erde sterilisieren, Gemüse und Blumen ansäen, brav giessen, pikieren, umtopfen und sich dran freuen, wie es im Zimmergewächshaus, das im Büro steht, immer grüner wird.

Und dann eines Tages feststellen, dass auch hier, an diesem geschützten Ort, Blattläuse auftauchen können. Wie? Warum? Woher? – Keine Ahnung, aber die Viecher waren gekommen, um zu tun, was sie eben tun: Schaden anrichten und nerven.

Allzu lange konnten sie ihre Schandtaten jedoch nicht vollbringen, denn kaum waren sie da, krabbelte auch schon die erste Marienkäferlarve auf den Blättern rum, ein paar Tage später bereits die zweite. Scheinbar aus dem Nichts waren die beiden aufgetaucht, um die biologische Schädlingsbekämpfung zu übernehmen.

Gut, man könnte jetzt die Nase rümpfen, weil es sich bei den Käfern allem Anschein nach um die zugewanderten grossen Geschwister unserer heimischen Marienkäfer handelt. Ich habe jedoch beschlossen, mich einfach nur zu freuen, dass das uralte Zusammenspiel von Schädlingen und Nützlingen auch im Haus funktioniert – und dies ganz ohne mein Zutun.

Und falls mir jemand eine weitere Freude machen möchte: Hier könnt ihr eure Stimme für unseren Garten abgeben.

Aussaat, Blumen, Gemüse

Gewürfelt

Zu Beginn glaubte ich ja, mit zwei, drei Saatschalen auskommen zu können. Da wusste ich halt noch nicht, wie ausufernd die Sache mit den selbstgezogenen Pflänzchen werden würde. Und natürlich wusste ich auch nicht, wie kurzlebig diese Saatschalen sind. Zwei Saisons im Einsatz, zwei Winter im Keller und schon zeigten sich erste Risse. Also definitiv nichts für jemanden, der gerne mit möglichst wenig Plastik auskommt.

Im nächsten Jahr versuchte ich es mit Kokos-Quelltabletten. Die waren ganz handlich und brauchten wenig Platz. Doch längst nicht jede Pflanze fühlte sich darin wohl. Und mein grünes Gewissen rebellierte natürlich auch bald wieder: „Was hilft es, auf Plastik zu verzichten, wenn du dann mit einem Material arbeitest, das vom anderen Ende der Welt hergeflogen wird?“

Einen Moment lang dachte ich darüber nach, es stattdessen mit selbstgebastelten Paper Pots zu probieren. Immerhin hätte dann die Tageszeitung, die noch immer gratis ins Haus flattert, einen Nutzen. Nachdem ich einen ersten Zeitungsbund verarbeitet hatte, war mir jedoch klar: Paper Pots eignen sich nur für Garten-Minimalisten. Wer sich mit zwei Tomatenpflanzen, einem Kürbis und einer Zucchini zufrieden gibt, mag damit glücklich werden. Wer aber einen ganzen Garten bunt und üppig gestalten möchte, wird mit dem Rollen nicht mehr fertig. Der zweite Bund der Zeitung wanderte daher ins Altpapier und ich suchte weiter nach einer Lösung.

Schliesslich stieg ich auf Pflanztöpfe aus Holzfasern um – selbstverständlich torffrei. Damit hätte ich eigentlich ganz gut leben. können (Zugegeben: Ich habe nicht bis ins letzte Detail recherchiert, ob da auch alles so sauber ist, wie ich es mir gerne einbilde.) Das Dumme war bloss, dass ich inzwischen in Sachen Aussaat jegliches Mass verloren hatte. Da ich nicht nur für den eigenen Garten Pflänzchen ziehe, sondern Jahr für Jahr eine Menge Setzlinge verschenke, kommen schnell einmal ein paar Hundert Töpfchen zusammen. Und ein paar Hundert Töpfchen sind leider nicht ganz billig.

Also musste schon wieder eine Alternative her, und ich glaube, sie gefunden zu haben: die Erdtopfpresse.

Damit lässt sich mit ein paar wenigen Handgriffen in kürzester Zeit ein ganzer Sack Aussaaterde in hübsche kleine Würfel mit Vertiefung für das Saatgut verwandeln. Die Erde muss einfach schön feucht sein, damit die Würfel gut in Form bleiben. Und wer nicht eine Menge Trauermücken ins Gewächshaus einschleppen möchte, tut gut daran, sie vor dem Würfeln zu sterilisieren.

Sieht ganz so aus, als hätte ich endlich das System gefunden, das meinen Vorstellungen entspricht: schnell, unkompliziert, günstig, nahezu plastikfrei – und Pikieren ist auch nicht mehr nötig. Sogar die Saatschalen aus alten Zeiten, die noch halbwegs intakt sind, erweisen sich als nützlich, denn irgendwo wollen die Würfel ja stehen. (Ein einfaches Brett tut es zwar auch …)

Einen einzigen Haken hat die Sache natürlich dennoch: Das Ganze läuft so glatt, dass ich erst recht keinen Grund mehr sehe, bei der Aussaat Mass zu halten.

Aussaat, Blumen

Noch mehr Kälte

Wo es mit dem Rittersporn so prächtig funktioniert hat, habe ich gleich weitergemacht mit der Kältebehandlung – diesmal sogar ganz ohne Kühlschrank, weil es draussen ja kalt genug war.

In der zweiten Runde waren Phlox, Schafgarbe und Lavendel dran. Nach drei Wochen bei Schnee, Wind und Eis auf dem Balkon stand letzte Woche die Aussaat an. Die Schafgarbe brauchte danach gerade mal drei Tage, um zu keimen, der Lavendel fünf. Beim Phlox dauerte es ein wenig länger, aber inzwischen erscheint auch in dieser Saatschale das erste Grün.

Warum der ganze Aufwand? Das Zeug bekommt man doch in jeder halbwegs anständigen Gärtnerei. „Aber nicht in den Farben, die ich gewählt habe“, würde ich bei Phlox (Crème Brûlée) und Schafgarbe (irgend etwas in Pastell, die Beschriftung ist leider nicht mehr lesbar) antworten.

Und beim Lavendel?

Nun, da reut mich ganz einfach das Geld für die vielen fertigen Pflänzchen, die ich kaufen müsste. Mit dem Lavendel ist es nämlich so eine Sache: Ich weiss, dass ein insektenfreundlicher Garten nicht ohne auskommt; soll er optisch seine Wirkung entfalten, reichen ein, zwei kümmerliche Stauden nicht aus, aber so richtig warm geworden bin ich mit ihm noch nie, denn sein Duft beschert mir üble Kopfschmerzen.

Ihn selbst zu ziehen, ist daher ein reiner Vernunftentscheid: Bienen, Hummeln und Schmetterlinge sind glücklich, aber dem Portemonnaie tut‘s nicht weh.

Und wer weiss, vielleicht schliesse ich ihn ja doch noch ins Herz, wenn ich ihn von der Aussaat bis zum Erblühen begleite – Kopfweh hin oder her.

Blumen

Um den Finger gewickelt

Stiefmütterchen habe ich eigentlich noch nie gemocht, schon als Kind nicht. Wie sie da jeweils palettenweise in den Gartencentern hocken und einen mit ihren viel zu grell umrandeten dummen Gesichtern anstarren, nervte mich schon, als ich noch keinen Moment dran dachte, mal selber einen Garten zu haben. Landauf, landab glotzen sie einen aus Vorgärten, Balkonkistchen und Blumentrögen an – und die Bienen haben rein gar nichts von dieser üppigen Bepflanzung. Stiefmütterchen in meinem Garten? Niemals! Frau hat ja schliesslich ihre Prinzipien.

Und jetzt ist mir doch tatsächlich dieser Ausrutscher passiert …

Es war kurz vor dem Brexit, als es noch keine Probleme mit Saatgutbestellungen aus England gab. Draussen war es trüb und grau und auf einmal sahen all die knallbunten britischen Züchtungen unglaublich anziehend aus – sogar die Stiefmütterchen. Und ehe ich mich’s versah, lag so ein zuckersüsses Pansy-Ding im Warenkorb. Was man kauft, muss man auch ansäen und so wuchsen in meinem Zimmergewächshaus neben Mehlsalbei, Lavendel und Echinacea halt auch ein paar Stiefmütterchen heran. Eines dieser Pflänzchen stellte sich als besonders ambitioniert heraus, es öffnete seine erste Blüte bereits, als draussen noch Schnee lag.

Tja, und jetzt teile ich mir das Büro halt mit einem Stiefmütterchen. Es glotzt nicht so blöd, wie seine grellen Artgenossen aus dem Gartencenter, es ist einfach nur unglaublich hübsch und ausgesprochen sympathisch. So freundlich schaut es drein, dass ich mich – und das ist mir jetzt fast ein wenig peinlich – in das zuckersüsse kleine Ding verguckt habe.

Frau ist offenbar nicht ganz so prinzipientreu, wenn der Winter allzu lang und allzu grau ist.