Aussaat, Blumen, Gemüse

Gibt‘s ja gar nicht

Zu Beginn dachte ich, was wohl die meisten Leute hierzulande denken: Die Gartensaison dauert von März bis November. Pfeifen draussen die ersten Vögel, geht es los, sind die letzten Dahlien verblüht und die Kürbisse geerntet, ist Schluss. Dann wirft man sich mit einem tiefen Seufzer aufs Sofa und schwört sich, die ganze Plackerei im nächsten Jahr bleiben zu lassen – nur um beim ersten Frühlingssonnenstrahl wieder ins Gartencenter zu rennen.

Die meisten Menschen sind mit diesem Rhythmus ganz glücklich, doch einigen reicht das, was sie im Gartencenter bekommen, irgendwann nicht mehr. Spüren sie zum ersten Mal den Frühling, sind dort noch immer nur Erika und Christrosen zu haben. Beim offiziellen Saisonbeginn präsentiert sich die Lage auch nicht besser, dann gibt‘s halt einfach Stiefmütterchen anstelle von Erika. Wer früher anfangen möchte und mehr Auswahl will, muss selber säen. Und dann beginnt die Gartensaison plötzlich schon im Januar …

Eine Zeit lang mag das gut gehen, die Peperoni- und Tomatensetzlinge bringen ausreichend Vorfreude in die grauen Wintertage. Doch plötzlich meldet sich da ganz leise und zaghaft die Frage: Warum eigentlich keine mehrjährigen Blumen ziehen, wo doch schon die ganze Ausstattung für die Anzucht vorhanden ist? Und weil mehrjährige Blumen halt etwas mehr Zeit brauchen als Tomaten, geht man nach der letzten Ernte nahtlos zur ersten Aussaat über. Womit endlich auch die gartenfreie Lücke im Spätherbst geschlossen wäre.

Selbstverständlich lässt sich auch das noch steigern. Wer wollte sich denn im Sommer mit Jäten, Giessen und Ernten begnügen? Wäre doch eine Schande, die Beete im Winter leer zu lassen, also geht es mit der Aussaat weiter, sobald das Sommergemüse im Boden ist. Ist schliesslich das Wintergemüse gepflanzt, sollte man sich ein paar Gedanken zur Stecklingsvermehrung machen …

Und irgendwann wird klar: Die Gartensaison gibt‘s gar nicht, hat dich der Garten nämlich erst mal im Griff, gehörst du ihm das ganze Jahr.

Blumen, Gemüse

Bitte entschuldigen Sie meine Absenz

Es ist wieder diese Zeit im Jahr, in welcher der Garten nicht die kleinste Unpässlichkeit duldet. Zwei, drei Tage mit Fieber und Gliederschmerzen im Bett und schon erwartet dich das pure Chaos, wenn du dich – noch ganz geschwächt und mit zittrigen Knien – endlich wieder nach draussen schleppst.

„Sieh mal an, wer sich auch mal wieder blicken lässt“, höhnen die Nacktschnecken. „Die glaubt aber nicht im Ernst, sie könne uns noch beikommen, nachdem sie dreimal die abendliche Schneckenrunde hat ausfallen lassen. Die wird vielleicht Augen machen, wenn sie sieht, wie wir uns derweilen mit ihren Ritterspornen vergnügt haben …“

Die Blattläuse stimmen natürlich umgehend in den Spott ihrer Schädlingskolleginnen ein: „Die hat aber nicht im Ernst geglaubt, sie könne sich aus dem Staub machen, nachdem sie läppische 90 Marienkäferlarven ausgesetzt hat? Hat die wirklich gedacht, damit könne sie uns in Schach halten? Ist ja fast schon süss, wie naiv die ist.“

Im Gewächshaus werde ich von den Tomaten überschwänglich begrüsst: „Ach, wie haben wir dich doch vermisst! Schau mal, wir haben ganz viele kräftige Triebe wachsen lassen, während du weg warst.“ „Aber das solltet ihr doch nicht, ihr wisst, dass das nicht gut kommt“, tadle ich. „Aber warum denn nicht? Triebe wachsen lassen macht Spass. Sieh nur, wie hübsch der hier geworden ist, der trägt sogar schon Blüten. Und diesen hier musst du dir unbedingt anschauen, der ist fast so dick wie dein Daumen. Beeindruckend, was wir in so kurzer Zeit fertigbringen, nicht wahr?“, plappern sie unbeirrt weiter.

Seufzend zücke ich mein Messer und desinfiziere die Klinge. „Du willst doch jetzt nicht etwa unseren wunderschönen Trieben zu Leibe rücken?“, protestieren die Pflanzen. Doch genau das will ich natürlich, denn was die Guten während meiner Abwesenheit angerichtet haben, ist schlicht nicht tragbar. Damit sie nicht allzu traurig sind, verspreche ich hoch und heilig, auch diese Triebe zu bewurzeln und in Töpfe auszupflanzen – wie ich es bereits mit zehn anderen getan habe.

Hinter dem Haus lässt der orientalische Mohn seine schweren Köpfe hangen. „Wolltest mal wieder nicht auf Monty Don hören“, schimpfen sie. „Wie oft hat er schon gesagt, dass du die Stützen anbringen musst, bevor wir gross und üppig sind – schau bloss, was das gestrige Gewitter mit uns angerichtet hat.“

Auch der winzige Phlox, den ich im Winter gezogen habe, begrüsst mich mit einem Vorwurf: „Weisst du eigentlich, wie lange ich auf dich gewartet habe? Seit Tagen schon wollte ich dir meine allererste Blüte zeigen, aber du lässt dich nicht ein einziges Mal blicken. Ich habe ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, zu verblühen.“

Nachdem ich mich bei dem armen Phlox, der zwar noch etwas kümmerlich, aber wunderschön ist, gebührlich für meine tagelange Absenz entschuldigt habe, bin ich leicht bedrückt. Wie soll mein Garten jemals so werden, wie ich ihn mir erträume, wenn die Dinge schon nach wenigen Tagen Abwesenheit derart aus dem Ruder laufen?

Gerade will ich ein Lamento anstimmen, da fällt mein Blick auf eine fette Marienkäferlarve. Es muss eine derjenigen sein, die ich letzte Woche ausgesetzt habe – und die in dieser kurzen Zeit am üppigen Blattlaus-Büffet offensichtlich kräftig zugelangt hat. „Mach dir bloss keine Sorgen“, sagt sie fröhlich, „wir haben die Sache ziemlich gut im Griff – auch wenn es im Moment noch nicht ganz danach aussieht.“

Gemüse

Dann halt eben doch ein Dschungel

Den Vorsatz, die Tomaten dieses Jahr nicht wieder wild wuchern zu lassen, habe ich bis jetzt erstaunlich gut eingehalten. Kein einziger Achseltrieb hat es bisher geschafft, höher als ein paar Zentimeter zu wachsen. Kommen sich zwei Pflanzen zu nahe, werden die Guten daran erinnert, wem welcher Stab zum Hochwachsen zugeteilt ist. Und schafft es ein Seitentrieb trotz aller Wachsamkeit, dem Boden entlang zu wuchern, kommt mein neues scharfes Messer zum Einsatz.

So einfach ist es also, im Gewächshaus für mehr Ordnung und Disziplin zu sorgen. Und zugleich so schwierig …

Mit dem Ausgeizen kommen nämlich neue Probleme. Nein, ich meine jetzt nicht all die Glaubensfragen, die in diesem Zusammenhang diskutiert werden. Nicht die Wunden, die man der Pflanze zufügt, nicht die viele Zeit, die man für Besseres verwenden könnte, nicht die Notwendigkeit des Hochbindens.

Mein Problem sind die kleinen Triebe.

Wie, um Himmels willen, soll frau es übers Herz bringen, die herzigen Dinger im Grünabfall zu entsorgen, wie sollte sie mitansehen, wie sie in einem Jauchefass verrotten – wo die Kleinen doch ebensogut in einem Wasserglas ein paar Wurzeln spriessen lassen können, um zu neuen starken Pflanzen heranzuwachsen? Pflanzen, die sich perfekt als Backup eignen, falls irgendwann im Laufe der Saison die Braunfäule um sich greifen sollte.

Tja, und so wird wohl in meinem Garten auch dieses Jahr wieder ein Tomatendschungel wuchern. Diesmal einfach nicht eingepfercht im Gewächshaus, sondern überall dort, wo es noch Platz für einen Topf hat.

Aussaat, Blumen, Gemüse

Funktioniert auch drinnen

Die Erde sterilisieren, Gemüse und Blumen ansäen, brav giessen, pikieren, umtopfen und sich dran freuen, wie es im Zimmergewächshaus, das im Büro steht, immer grüner wird.

Und dann eines Tages feststellen, dass auch hier, an diesem geschützten Ort, Blattläuse auftauchen können. Wie? Warum? Woher? – Keine Ahnung, aber die Viecher waren gekommen, um zu tun, was sie eben tun: Schaden anrichten und nerven.

Allzu lange konnten sie ihre Schandtaten jedoch nicht vollbringen, denn kaum waren sie da, krabbelte auch schon die erste Marienkäferlarve auf den Blättern rum, ein paar Tage später bereits die zweite. Scheinbar aus dem Nichts waren die beiden aufgetaucht, um die biologische Schädlingsbekämpfung zu übernehmen.

Gut, man könnte jetzt die Nase rümpfen, weil es sich bei den Käfern allem Anschein nach um die zugewanderten grossen Geschwister unserer heimischen Marienkäfer handelt. Ich habe jedoch beschlossen, mich einfach nur zu freuen, dass das uralte Zusammenspiel von Schädlingen und Nützlingen auch im Haus funktioniert – und dies ganz ohne mein Zutun.

Und falls mir jemand eine weitere Freude machen möchte: Hier könnt ihr eure Stimme für unseren Garten abgeben.

Gemüse

Schluss mit dem Wildwuchs!

Nein, dieses Jahr wird es mir nicht wieder passieren, komme was wolle.

Die Tomaten werden mir nicht wieder über den Kopf wachsen.

Es werden nur so viele gepflanzt, wie der gesunde Menschenverstand gebietet, und die Beete werden nicht wieder im Übermut überfüllt, weil es auf eine oder zwei Pflanzen mehr doch bestimmt nicht ankommt. Was zuviel ist, muss eben in einem anderen Garten unterkommen. (Okay, vielleicht lässt sich ja noch der eine oder andere Topf auftreiben …)

Diesmal werden die Guten auch nicht in alle Richtungen spriessen, bis das ganze Gewächshaus zugewuchert ist, sodass kein Durchkommen mehr ist und alles, was sonst noch an der Wärme gedeihen möchte, weder Licht noch Raum bekommt. Schön geordnet werden sie an ihren Stäben hochklettern, wie es sich für anständige Tomaten gehört. Was auszugeizen ist, wird ausgegeizt – und wenn das Dach erreicht ist, ist Schluss, dann gibt es einen Schnitt.

Für einmal soll das alles ganz vernünftig und gesittet laufen wie im Gartenratgeber – und nicht wild und unkontrolliert wie in anderen Jahren. Ein lehrbuchmässiger Tomatenanbau, der Krankheiten möglichst wenig Chancen lässt und hoffentlich dem Ertrag zugutekommt.

Es ist ja nicht so, dass ich das alles nicht schon vorher gewusst hätte. Aber vom Wissen bis zum buchstabengetreuen Umsetzen ist es zuweilen ein weiter Weg. Ein Weg, der in meinem Fall vorbeiführte an Braunfäule, an voll behangenen Zweigen, die unter ihrer Last brachen, ehe die Früchte reifen konnten, an wuchernden Trieben, die irgendwann das Dachfenster hoben und den Regen ins Gewächshaus brachten und ein paar anderen Fehlern.

All das war ziemlich frustrierend, aber offenbar auch nötig, denn nur so verstand ich irgendwann: Im Garten habe nicht ich das Sagen, sondern die Pflanzen, denen ich darin ein Zuhause biete.

Aussaat, Blumen, Gemüse

Gewürfelt

Zu Beginn glaubte ich ja, mit zwei, drei Saatschalen auskommen zu können. Da wusste ich halt noch nicht, wie ausufernd die Sache mit den selbstgezogenen Pflänzchen werden würde. Und natürlich wusste ich auch nicht, wie kurzlebig diese Saatschalen sind. Zwei Saisons im Einsatz, zwei Winter im Keller und schon zeigten sich erste Risse. Also definitiv nichts für jemanden, der gerne mit möglichst wenig Plastik auskommt.

Im nächsten Jahr versuchte ich es mit Kokos-Quelltabletten. Die waren ganz handlich und brauchten wenig Platz. Doch längst nicht jede Pflanze fühlte sich darin wohl. Und mein grünes Gewissen rebellierte natürlich auch bald wieder: „Was hilft es, auf Plastik zu verzichten, wenn du dann mit einem Material arbeitest, das vom anderen Ende der Welt hergeflogen wird?“

Einen Moment lang dachte ich darüber nach, es stattdessen mit selbstgebastelten Paper Pots zu probieren. Immerhin hätte dann die Tageszeitung, die noch immer gratis ins Haus flattert, einen Nutzen. Nachdem ich einen ersten Zeitungsbund verarbeitet hatte, war mir jedoch klar: Paper Pots eignen sich nur für Garten-Minimalisten. Wer sich mit zwei Tomatenpflanzen, einem Kürbis und einer Zucchini zufrieden gibt, mag damit glücklich werden. Wer aber einen ganzen Garten bunt und üppig gestalten möchte, wird mit dem Rollen nicht mehr fertig. Der zweite Bund der Zeitung wanderte daher ins Altpapier und ich suchte weiter nach einer Lösung.

Schliesslich stieg ich auf Pflanztöpfe aus Holzfasern um – selbstverständlich torffrei. Damit hätte ich eigentlich ganz gut leben. können (Zugegeben: Ich habe nicht bis ins letzte Detail recherchiert, ob da auch alles so sauber ist, wie ich es mir gerne einbilde.) Das Dumme war bloss, dass ich inzwischen in Sachen Aussaat jegliches Mass verloren hatte. Da ich nicht nur für den eigenen Garten Pflänzchen ziehe, sondern Jahr für Jahr eine Menge Setzlinge verschenke, kommen schnell einmal ein paar Hundert Töpfchen zusammen. Und ein paar Hundert Töpfchen sind leider nicht ganz billig.

Also musste schon wieder eine Alternative her, und ich glaube, sie gefunden zu haben: die Erdtopfpresse.

Damit lässt sich mit ein paar wenigen Handgriffen in kürzester Zeit ein ganzer Sack Aussaaterde in hübsche kleine Würfel mit Vertiefung für das Saatgut verwandeln. Die Erde muss einfach schön feucht sein, damit die Würfel gut in Form bleiben. Und wer nicht eine Menge Trauermücken ins Gewächshaus einschleppen möchte, tut gut daran, sie vor dem Würfeln zu sterilisieren.

Sieht ganz so aus, als hätte ich endlich das System gefunden, das meinen Vorstellungen entspricht: schnell, unkompliziert, günstig, nahezu plastikfrei – und Pikieren ist auch nicht mehr nötig. Sogar die Saatschalen aus alten Zeiten, die noch halbwegs intakt sind, erweisen sich als nützlich, denn irgendwo wollen die Würfel ja stehen. (Ein einfaches Brett tut es zwar auch …)

Einen einzigen Haken hat die Sache natürlich dennoch: Das Ganze läuft so glatt, dass ich erst recht keinen Grund mehr sehe, bei der Aussaat Mass zu halten.

Gemüse

Geteilt

Die Artischockenpflanzen sind müde geworden. Zwar fühlen sie sich hinter ihrem halbrunden Steinmäuerchen auf der Südseite des Hauses grundsätzlich pudelwohl und sie zeigen sich stets äusserst dankbar, wenn sie nach Weihnachten die Äste des Tannenbaums als Winterschutz bekommen – doch nach fünf, sechs guten Ernten mögen sie nicht mehr so recht.

Damit war eigentlich zu rechnen, Artischocken sind nun mal so. Dennoch habe ich es komplett verpasst, Saatgut zu bestellen, um rechtzeitig neue Setzlinge heranzuziehen. Bleibt mir also nur noch die Möglichkeit, mit Ablegern zu arbeiten, wenn ich weiterhin ernten will.

Das Teilen von Artischockenpflanzen wird auf gewissen Seiten als eine hohe Kunst dargestellt, die nur den allerbesten Gärtnerinnen gelingen kann. Gerade so, als handelte es sich um eine Operation am offenen Artischockenherzen, die nur nach mehrjährigem Studium durchgeführt werden darf.

Hätte ich nicht gestern Abend auf BBC 2 gesehen, wie Monty Don mit ein paar beherzten Spatenstichen einer Cardy-Pflanze zu Leibe rückte, um sie zu teilen, hätte ich mir die Sache wohl nicht zugetraut. So aber hinderte mich nichts mehr daran, heute Nachmittag zum Spaten zu greifen und meine müden Artischocken auszugraben. Es ging sehr viel leichter als erwartet, die Ableger lösten sich fast schon von selbst von der Mutterpflanze. Das scharfe Messer, von dem in allen Anleitungen die Rede ist, blieb ungenutzt. Nachdem ich die äusseren Blätter entfernt hatte, waren die Kleinen bereit, an neuer Stelle im Garten eingepflanzt zu werden. Noch etwas Wasser drüber und eine dicke Schicht Stroh zum Schutz vor kalten Nächten und fertig war die Pflanzaktion.

Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, ob die angeblich so hohe Kunst wirklich dermassen simpel ist – oder ob ich in einem Anflug von Übermut meine müden Artischockenpflanzen mitsamt ihren jungen Ablegern ruiniert habe.

Aussaat, Familie

Kinderrabatt

Früher, als ich mich noch öfters mal mit den Kindern in Schuhläden herumtreiben musste, schaute ich zum Schluss immer noch kurz, ob es bei den Mädchenschuhen etwas Hübsches in meiner Grösse gäbe. So kam ich mehr als einmal zu unverschämt günstigen Schuhen. Kinderrabatt für zu kurz geratene Erwachsene, sozusagen.

Dass es diesen Rabatt auch andernorts zu holen gibt, habe ich heute ganz unerwartet erfahren. Und das kam so:

Letzten Samstag wollte ich nur mal kurz ein paar Blumen ansäen und plagte mich dann endlos mit dem viel zu grossen Rechen ab, um ein winziges Fleckchen Erde zu einer feinen Krume zu harken. Der Fall war klar: Will ich mir bei den nächsten Aussaat nicht wieder bei jeder unbedachten Bewegung mit dem Rechenstiel eins überbraten, muss ein handlicheres Gerät her.

Im Gartencenter wurde ich rasch fündig. Ein edles Werkzeug aus holländischer Produktion, leicht, handlich, stabil, perfekt für meine Bedürfnisse – und ziemlich teuer. Wer sich beim Rechen keine Beulen holen will, muss offenbar bereit sein, anderweitig zu bezahlen.

Oder aber, genau wie beim Schuhkauf, eine Runde durch die Kinderabteilung drehen. Gut versteckt zwischen kleinen Giesskannen und knallbunten Schäufelchen hängt dort nämlich der exakt gleiche Rechen. Das gleiche edle Modell, handlich, leicht, stabil und perfekt für meine Bedürfnisse.

Der Unterschied zum Erwachsenenmodell? Ein riesiger „Junior“-Aufdruck auf dem Stiel – und eine halb so grosse Zahl auf dem Preisschild.

Gemüse

Eingebuddelt

So langsam wird es Zeit, die Beete vorzubereiten und darum war heute Gartenarbeit angesagt – obschon mich gestern jemand gewarnt hatte, heute werde kein guter Gartentag, der Wetterfrosch habe gerade mal 9 Grad vorausgesagt und das sei doch viel zu kalt für die Jahreszeit. Ich entgegnete, im Februar hätte ich schon kältere Tage erlebt, wir würden es uns daher nicht nehmen lassen, rauszugehen. Und wir hatten ja auch wirklich ziemlich viel zu tun: abgestorbene Pflanzen beseitigen, Hochbeete mit frischer Erde auffüllen, letzte Stauden zurückschneiden, Ollas reinigen …

Die Ollas sind die beste Anschaffung, die ich für den Garten jemals getätigt habe. Die Bewässerungstöpfe aus unversiegeltem Ton, die fast bis zur Öffnung in die Erde eingegraben werden, haben nicht nur unseren Wasserverbrauch drastisch gesenkt. Sie ersparen mir auch eine Menge Ärger. Wie oft habe ich mich doch an heissen Sommertagen frühmorgens laut schimpfend mit dem viel zu langen Gartenschlauch abgeplagt. Seitdem die Ollas in der Mitte der Hochbeete sitzen, muss ich nur noch alle paar Tage mit der Giesskanne nachfüllen und die Tomaten, Gurken, Kürbisse und Peperoni können sich wieder so viel Wasser holen, wie sie brauchen. (Klar, ich könnte zum Auffüllen den Schlauch ausrollen, um mir die Giesskannenschlepperei zu ersparen, aber dann muss sich wieder die ganze Nachbarschaft mein Gezeter anhören und das ist auch dann nicht sonderlich angenehm, wenn es nur noch alle paar Tage vorkommt.)

Das Bewässerungssystem hat noch andere Vorzüge: Die Blätter der Tomatenpflanzen bleiben beim Giessen schön trocken und sind dadurch weniger anfällig für Pilzkrankheiten. Und sollte es tatsächlich wiedermal möglich werden, im Sommer zu verreisen, ist es bestimmt einfacher, jemanden zu finden, der oder die mir ab und zu meine Ollas auffüllt, damit während unserer Abwesenheit nichts verdurstet.

So überzeugend das alles auch klingen mag – im ersten Moment zögerte ich dennoch, ob ich mir die Töpfe leisten soll, denn ganz billig sind sie nicht. Um mit dem Zögern irgendwann zu einem Ende zu kommen, fing ich daher an, nach Anleitungen zum Selberbauen zu suchen. Solche Anleitungen findet man zuhauf und sie klingen alle ganz und gar überzeugend: „Du brauchst nur das und das und das und dann natürlich noch das und wenn du das alles beisammen hast, machst du es so und so und so und zum Schluss noch so – und fertig sind deine selbstgebauten Ollas. Also, natürlich nur, wenn du bei Schritt drei alles richtig gemacht hast und auch ganz sicher nicht das falsche Material erwischt hast. Und falls du es trotzdem komplett verhauen hast, kannst du ja einfach ein paar Löcher in eine PET-Flasche bohren, das Ding mit einem Damenstrumpf überziehen und in der Erde verbuddeln. Was du mit den unbrauchbaren Ollas machen sollst, die du vergeblich gebastelt hast? Keine Ahnung, musst dir halt etwas einfallen lassen.“

Es mag Menschen geben, die sich von solchen Anleitungen nicht entmutigen lassen, mir jedoch vergeht die Freude schon beim Lesen. Und weil ich in meinem Leben schon ein paar äusserst unbefriedigende Bastelerfahrungen gemacht habe – meine Kinder könnten das eine oder andere Liedchen davon singen -, gelangte ich zu dem Schluss, lieber die Zeit als das Geld zu sparen. Ein Entscheid, den ich, wie bereits erwähnt, noch keinen Moment bereut habe.

Der Ehrlichkeit halber muss eines allerdings noch gesagt sein: An manchen Orten ist zu lesen, Ollas würden dabei helfen, die Schnecken in Schach zu halten, weil die Erde nicht so feucht werde wie beim herkömmlichen Giessen. Ich habe da andere Erfahrungen gemacht. Die Viecher lieben es nämlich, sich auf dem kühlen, feuchten Ton von ihren Fressorgien zu erholen.

Na ja, immerhin sind sie so alle an einem Ort versammelt, was es leichter macht, ihnen den Garaus zu machen …

Familie, Gartenbegegnungen

Ein Versuch, mehr nicht

Man kann sich ja schon fragen, ob es nicht Besseres zu tun gäbe, als in der Erde zu wühlen, Pflänzchen zu ziehen, Blumenbeete anzulegen, Brennnesselgülle anzusetzen und sich mit Krautfäule, Mehltau und Mosaikvirus herumzuschlagen. Wir haben ja weiss Gott wichtigere Probleme auf dieser Welt.

So ähnlich dachte wohl auch der sehr aufrechte und sehr um mein Seelenheil besorgte junge Mann, der mich mal fragte, wie ich es denn eigentlich verantworten könne, so viel Zeit im Garten zu verbringen, wo die Welt doch gerade vor die Hunde gehe. Das Jüngelchen nervte mich gewaltig, hatte er doch keine Ahnung davon, wie unausstehlich eine Mutter mittleren Alters werden kann, wenn sie nicht hin und wieder die Gelegenheit bekommt, draussen im Garten nach ihrem verlorenen Verstand zu graben. (Andere Mütter mögen andere Strategien haben, um ihren Verstand wiederzufinden, aber irgendetwas in der Art brauchen wir wohl alle, um mit dem ganz alltäglichen Wahnsinn klarzukommen.) Da mischte sich einer, der noch komplett grün hinter den Ohren war und nicht den leisesten Schimmer von meinem Leben hatte, in meine Angelegenheiten ein, gerade so, als hätte ich ihn um seinen ach so weisen Rat angefleht.

Aber zurück zum eigentlichen Thema: Der sehr aufrechte und sehr um mein Seelenheil besorgte junge Mann nervte mich also gewaltig – und doch musste ich mir insgeheim eingestehen, dass mir der Gedanke, den er ansprach, nicht gänzlich fremd ist. An manchen Tagen, wenn meine Twitter-Timeline mal wieder voll ist von Meldungen über das Elend in den Flüchtlingslagern, den Hass und die Gewalt gegen Frauen, die Gier nach Geld, die Zerstörung der Natur, das Wüten des Virus, … dann denke ich hin und wieder schon: „Und du machst dir ernsthaft Gedanken darüber, ob du den Fingerhut vor oder hinter dem Haus pflanzen sollst und ob du es in dieser Saison doch nochmal mit Rosenkohl probieren sollst? Ganz schön biedermeierlich …“

Nein, ich brauche wahrlich keinen Besserwisser, der mich auf trübe Gedanken bringt, ich bin durchaus selbst in der Lage, mich angesichts des Weltgeschehens in einen tiefen Pessimismus hineinzusteigern und mir ein schlechtes Gewissen einzureden.

Und doch bleibe ich selten bei Pessimismus und schlechtem Gewissen stehen. Zu sehr fühle ich mich verantwortlich für das Fleckchen Erde, auf dem sich fast mein ganzes Leben abspielt. Soll ich es vielleicht zur Steinwüste verkommen lassen, in der sich kein Käferchen, kein Pflänzchen und schon gar kein Mensch wohlfühlt? Muss ich nicht wenigstens hier, wo ich ohnehin kaum wegkann, weil andauernd jemand etwas von mir braucht, dafür sorgen, dass die Welt ein wenig bunter und blumiger – und damit hoffentlich ein kleines bisschen besser – wird? Sind all die Gartenbegegnungen, bei denen mir wildfremde Menschen von ihren Kindheitserinnerungen erzählen, denn nichts wert? Ist es wirklich so falsch, meinen Kindern die Erfahrung mit auf den Weg zu geben, wie viel besser eine Tomate schmeckt, die keinen weiten Weg zurückgelegt hat, sondern eben noch von der Sonne beschienen wurde? Schadet es ihnen vielleicht, jetzt schon zwei, drei Dinge über das Gärtnern mitzubekommen, wo sie doch früher oder später wohl ohnehin auf die Idee kommen werden, ihr eigenes Gemüse zu ziehen, weil das bei uns anscheinend in der Familie liegt? Sollte ich es nicht zumindest versuchen, meinen kleinen Beitrag zu mehr Natur zu leisten?

Natürlich, es ist nur ein kläglicher Versuch, zumindest im Kleinen ein wenig auszugleichen, was im Grossen alles schiefläuft – aber immerhin ist es ein Versuch.