Aussaat, Blumen

Noch mehr Kälte

Wo es mit dem Rittersporn so prächtig funktioniert hat, habe ich gleich weitergemacht mit der Kältebehandlung – diesmal sogar ganz ohne Kühlschrank, weil es draussen ja kalt genug war.

In der zweiten Runde waren Phlox, Schafgarbe und Lavendel dran. Nach drei Wochen bei Schnee, Wind und Eis auf dem Balkon stand letzte Woche die Aussaat an. Die Schafgarbe brauchte danach gerade mal drei Tage, um zu keimen, der Lavendel fünf. Beim Phlox dauerte es ein wenig länger, aber inzwischen erscheint auch in dieser Saatschale das erste Grün.

Warum der ganze Aufwand? Das Zeug bekommt man doch in jeder halbwegs anständigen Gärtnerei. „Aber nicht in den Farben, die ich gewählt habe“, würde ich bei Phlox (Crème Brûlée) und Schafgarbe (irgend etwas in Pastell, die Beschriftung ist leider nicht mehr lesbar) antworten.

Und beim Lavendel?

Nun, da reut mich ganz einfach das Geld für die vielen fertigen Pflänzchen, die ich kaufen müsste. Mit dem Lavendel ist es nämlich so eine Sache: Ich weiss, dass ein insektenfreundlicher Garten nicht ohne auskommt; soll er optisch seine Wirkung entfalten, reichen ein, zwei kümmerliche Stauden nicht aus, aber so richtig warm geworden bin ich mit ihm noch nie, denn sein Duft beschert mir üble Kopfschmerzen.

Ihn selbst zu ziehen, ist daher ein reiner Vernunftentscheid: Bienen, Hummeln und Schmetterlinge sind glücklich, aber dem Portemonnaie tut‘s nicht weh.

Und wer weiss, vielleicht schliesse ich ihn ja doch noch ins Herz, wenn ich ihn von der Aussaat bis zum Erblühen begleite – Kopfweh hin oder her.

Gartenbegegnungen

Saisonbeginn

“Signora, riverrà la neve“, warnt mich eine ältere Frau aus dem Quartier jedesmal, wenn sie mich vor Mitte Mai im Garten erwischt. Der Schnee werde wiederkommen und dann sei jegliche Gartenarbeit, die ich jetzt schon verrichte, für die Katz. Gerade so, als würde ich im Februar bereits Tomaten, Gurken und Peperoni auspflanzen.

Das tue ich natürlich nicht. Ich habe heute nur mal einen ersten Augenschein genommen: Welche Pflanzen müssen in den nächsten Tagen zurückgeschnitten werden? Wo hat sich Unerwünschtes breitgemacht? Wo gibt es Raum für Neues? Was blüht bereits?

Also alles absolut vernünftig und vollkommen saisongerecht – ihre Warnung hätte sie sich heute daher sparen können. Für Menschen wie mich beginnt die Gartensaison nun mal nicht erst dann, wenn die Prospekte mit den Garten-Sonderangeboten ins Haus flattern.

Vielleicht ist es dennoch ganz gut, dass die Frau bei jeder unserer Begegnungen versucht, mir ein wenig Vernunft beizubringen. Momentan mag es mir noch leicht fallen, nach einer halben Stunde Gartenarbeit wieder rein an die Wärme zu gehen, aber sobald der Frühling wirklich da ist, gibt es kein Halten mehr.

Und dann könnte es durchaus passieren, dass ich die Peperoni im Übermut zu früh auspflanze.

Familie

Heute mal ein anderes Thema

Da sitzen wir nun also seit fast einem Jahr, wir sieben. Wie die meisten haben auch wir uns irgendwie arrangiert, haben ein paar neue Formen des Zusammenseins gefunden, kommen mit der Situation mal besser, mal schlechter klar. Es ist ein gegenseitiges Tragen und einander Ertragen, wie wir es in all den Jahren des Familienlebens noch nie erlebt haben.

So vieles von dem, was die Kinder sonst mit ihren Freundinnen und Freunden besprechen, kommt jetzt am Familientisch zur Sprache.

So mancher blöde Spruch, den man sonst nie und nimmer in Gegenwart der eigenen Mutter fallen lassen würde, kann nicht warten, bis Corona endlich vorbei ist. Also hört Mama halt mit – und kontert vielleicht mit einem Witz, den zu normalen Zeiten nicht mal die erwachsenen Kinder von ihr zu hören bekämen.

So viele grosse Fragen des Lebens, die wir Eltern gewöhnlich mit Freunden bei einem gemütlichen Abendessen erörtern würden, fliessen nun halt in die Gespräche mit den Kindern ein.

So manche Sorge, die sich im Alltagstrubel gewöhnlich überspielen lässt, liegt jetzt, wo jegliche Ablenkung fehlt, ganz offen auf dem Tisch – ja, genau auf dem Tisch, auf dem in den vergangenen Monaten doch tatsächlich auch ab und zu ein 1500-Teile-Puzzle lag, weil man sich ja irgendwie die Zeit vertreiben muss.

So viele Sonntage im neuen, ungewohnten Rhythmus, dass dieser schon längst zur neuen Gewohnheit geworden ist: mittags Brunch – nachmittags Spaziergang oder so tun, als hätte man nicht mitbekommen, dass einige spazieren wollen – abends Pasta fatta in Casa.

So zahlreich die Online-Einkäufe, dass alle allen zur Modeberatung werden. Zwischen den verschiedenen Stilen mögen zwar Welten liegen, doch Bruder, Schwester, Mutter oder Vater sind in ihrem Urteil wenigstens gnadenlos ehrlich.

So häufig am Abend noch das Bedürfnis, sich die Dinge von der Seele zu reden, die im veränderten Alltag nirgendwo sonst deponiert werden konnten.

So viele Zeiten, die gewöhnlich jede und jeder mit eigenem Programm füllt, die jetzt zu gemeinsamen Zeiten geworden sind.

So ausufernd die Diskussionen, weil jeder die Grenzen des aktuell Erlaubten etwas unterschiedlich interpretiert.

Elternsein, Erwachsenwerden, Teeniezeit, das alles ist anders als gewohnt. Intensiver, tiefschürfender, herzlicher, manchmal vielleicht auch enger, als es uns allen gut täte.

Ich bin zutiefst dankbar, dass wir einander haben und es fast immer irgendwie aushalten miteinander – und hundemüde, weil sich noch selten im den letzten zwanzig Jahren so viel Familienleben in einer solchen Dichte abgespielt hat.

Aussaat, Gemüse

Planungsrunde

Die grosse Saatgutbestellung ist eingetroffen und somit ist klar, dass ich die Sache nicht mehr lange aufschieben kann. Nein, nicht die Aussaat, darauf freue ich mich wie ein kleines Kind – obschon ziemlich viel Arbeit auf mich wartet, da ich es mit der Vielfalt mal wieder masslos übertrieben habe.

Auch die Sache mit den Mischkulturen bereitet mir kein Bauchweh. Dass nicht jede beliebige Pflanze mit jeder anderen beliebigen Pflanze das Beet teilen möchte, finde ich absolut einleuchtend. Wäre mir ja auch nie in den Sinn gekomme, mit dem erstbesten Dahergelaufenen Tisch und Bett zu teilen.

Damit auch meinen Pflänzchen das Glück beschert ist, mit einem passenden Partner durchs Leben zu gehen, verwende ich daher jedes Jahr ziemlich viel Zeit auf die Planung der Beete. Mit kleinen bunten Post-its und unter gelegentlichem Spicken auf der Mischkulturen-Liste des Saatgutherstellers meines Vertauens bilde ich für jedes Beet eine passende Pflanzgemeinschaft. Tomaten, Kopfsalat und Tagetes, zum Beispiel, oder Zucchini, Wirsing und Spinat, Peperoni, Petersilie und Gurke oder – der Klassiker schlechthin – Kürbis, Mais und Bohnen (wobei ich nicht eine einzige Bohne ernten konnte, ganz so toll funktioniert hat das bei mir also nicht). Diese Arbeit braucht zwar Zeit, lohnt sich aber durchaus und darum werde ich auch dieses Jahr wieder stundenlang Zettelchen hin und her schieben, bis alle ihre passende Begleitung gefunden haben.

Dass sich die Auseinandersetzung mit dem Thema Fruchtwechsel nun jedoch nicht länger aufschieben lässt, trübt meine Vorfreude auf die Gartensaison. Zu lange habe ich mir eingeredet, das sei nur so eine Erfindung von erfahrenen Gärtnerinnen, die den Anfängern unter die Nase reiben wollen, wie viel mehr sie wissen und können. Die wortreichen Erklärungen, warum das nötig sei, überflog ich zwar ab und zu, beruhigte mein schlechtes Gewissen dann jedoch immer mit der faulen Ausrede, im Hochbeet kämen mit dem Auffüllen der Erde doch bestimmt in jeder Saison wieder genügend Nährstoffe in den Boden. Die Sache mit den Schädlingen und Krankheiten, die ein leichtes Spiel haben, wenn ihre Lieblingspflanzen immer im gleichen Beet wachsen, blendete ich geflissentlich aus. Doch mit dieser Blauäugigkeit ist jetzt Schluss, in dieser Saison wird sauber geplant – obschon mir davor ganz furchtbar graut.

Okay, mir ist schon klar, was sich jetzt so mancher denkt, der wirklich drauskommt: Mach nicht so ein Theater, ist doch ein Kinderspiel. Starkzehrer, Mittelzehrer, Schwachzehrer, Gründungung und das immer schön im Turnus. So einfach geht das.

Ja, so einfach geht das, wenn man die Regel von Anfang an brav befolgt hat. Hat man aber stattdessen wie ich wild drauflos gegärtnert, ist dieses Jahr eine sehr mühsame, sehr intensive Vorbereitungsrunde mit endlos vielen Zettelchen und schlecht gezeichneten Plänen angesagt.

Es sei denn, es gelänge mir, den Mann an meiner Seite zu ein, zwei weiteren Hochbeeten zu überreden, damit ich beim Turnus leichter tricksen kann … (Und weil ich mir ja nicht den erstbesten Dahergelaufenen als Tisch- und Bettgefährten ausgesucht habe, sondern einen durchaus vernünftigen Menschen, lässt er sich vielleicht sogar von meinem Ansinnen überzeugen.)

Blumen

Um den Finger gewickelt

Stiefmütterchen habe ich eigentlich noch nie gemocht, schon als Kind nicht. Wie sie da jeweils palettenweise in den Gartencentern hocken und einen mit ihren viel zu grell umrandeten dummen Gesichtern anstarren, nervte mich schon, als ich noch keinen Moment dran dachte, mal selber einen Garten zu haben. Landauf, landab glotzen sie einen aus Vorgärten, Balkonkistchen und Blumentrögen an – und die Bienen haben rein gar nichts von dieser üppigen Bepflanzung. Stiefmütterchen in meinem Garten? Niemals! Frau hat ja schliesslich ihre Prinzipien.

Und jetzt ist mir doch tatsächlich dieser Ausrutscher passiert …

Es war kurz vor dem Brexit, als es noch keine Probleme mit Saatgutbestellungen aus England gab. Draussen war es trüb und grau und auf einmal sahen all die knallbunten britischen Züchtungen unglaublich anziehend aus – sogar die Stiefmütterchen. Und ehe ich mich’s versah, lag so ein zuckersüsses Pansy-Ding im Warenkorb. Was man kauft, muss man auch ansäen und so wuchsen in meinem Zimmergewächshaus neben Mehlsalbei, Lavendel und Echinacea halt auch ein paar Stiefmütterchen heran. Eines dieser Pflänzchen stellte sich als besonders ambitioniert heraus, es öffnete seine erste Blüte bereits, als draussen noch Schnee lag.

Tja, und jetzt teile ich mir das Büro halt mit einem Stiefmütterchen. Es glotzt nicht so blöd, wie seine grellen Artgenossen aus dem Gartencenter, es ist einfach nur unglaublich hübsch und ausgesprochen sympathisch. So freundlich schaut es drein, dass ich mich – und das ist mir jetzt fast ein wenig peinlich – in das zuckersüsse kleine Ding verguckt habe.

Frau ist offenbar nicht ganz so prinzipientreu, wenn der Winter allzu lang und allzu grau ist.

Allgemein

Was man nie – aber auch wirklich gar nie – tun sollte …

… zumindest dann nicht, wenn man vollkommen masslos ist in Sachen Pflanzen, andauernd neue Setzlinge anschleppt, das Dienstaltersgeschenk für 5 Jahre im Job eben erst beim Saatguthändler abgeliefert hat und ohnehin schon eine endlose Pflanzen-Wunschliste hat:

Nie, aber auch wirklich gar nie, sollte man die „Encyclopedia of Gardening“ aus dem Bücherregal holen, um sich eine umfassende Lernkartei mit Pflanzennamen anzulegen, damit man beim Lernen nicht andauernd nachschlagen muss, wie Agrostemma githago auf Deutsch heisst und ob es für Xanthophthalmum segetum auch einen Namen gibt, den man nicht erst im dritten Anlauf fehlerfrei aufs Papier bringt.

Tut man das nämlich, erkennt man nicht nur ziemlich schnell, dass man noch sehr viele Stunden wird lernen müssen, um bei der Prüfung auch nur den Hauch einer Chance zu haben. Man stellt leider auch fest, dass die Pflanzen-Wunschliste noch sehr viel länger, der Platz ums Haus noch sehr viel grösser und das Budget für den Garten unbeschränkt sein müssten.

Die Erkenntnis, wie viel Schönheit da noch zu haben wäre, ist fast so erdrückend wie die Einsicht, wie gross die Wissenslücken noch sind.

Aussaat

Was Rittersporne halt so mögen

„Warum haben wir eigentlich keinen Rittersporn im Garten?“, fragte meine Mutter letzten Sommer, als wir uns mal ganz Corona-konform am Fenster unterhielten. „Rittersporn? Ach weisst du … “ begann ich mit einem tiefen Seufzer und legte los mit dem Gejammer: Schon hundertmal angesät, nie hat auch nur ein einziges Sämlein gekeimt, die im Frühling gepflanzten Stauden von den Schnecken zerfressen, diejenigen von vorletztem Herbst nach nur einer Saison völlig verkümmert, in der Verzweiflung schon mitten im Sommer blühende Pflanzen gekauft und mitsamt Topf ins Beet gestellt, damit es wenigstens so aussieht, als hätten wir welche… hat alles nichts genützt … so ein Elend … habe komplett versagt und alles falsch gemacht …

Nein, alles natürlich nicht. Was kann ich denn schon dafür, dass Nacktschnecken eine Vorliebe für zarten Rittersporn haben? Und ist es vielleicht mein Fehler, dass die Viecher sich auch durch einen Schneckenkragen nicht von ihrem Fressgelage abhalten lassen?

Was ich aber definitv – und nicht zum ersten Mal – falsch gemacht habe: Ich habe mich bei der Aussaat auf die Angaben auf der Verpackung verlassen. Natürlich stand da nichts Falsches, man muss die Samen ja tatsächlich irgendwann aussäen, nur ganz leicht mit Erde bedecken, gleichmässig feucht halten und bei 10 bis 15 °C keimen lassen. Dass sie vorher jedoch ganz gerne noch ein 24-stündiges Bad nehmen und sich danach ein paar Wochen auf feuchtem Haushaltpapier und mit einem Gefrierbeutel vor dem Austrocknen geschützt im Kühlschrank aufs Keimen vorbereiten, stand auf keinem der unzähligen Saatgutbriefchen, die ich über die Jahre gekauft hatte.

Ob ich das alles ganz genau gemäss Lehrbuch durchgeführt habe, weiss ich nicht. Was ich aber mit Sicherheit weiss: Es hat funktioniert. Nach drei Wochen im Kühlschrank keimte das Saatgut, wenige Tage nach der Aussaat zeigten sich die ersten Keimblätter und inzwischen bin ich stolze Besitzerin von 25 zarten Pflänzchen, die hin und wieder ein paar Spritzer Schachtelhalmbrühe bekommen, ehe sie im Frühling ihren Platz im Garten finden werden.

Müssen also nur noch die Schnecken in Schach gehalten werden.

Und die Viecher machen jetzt schon Zoff.

Als ich die jungen Rittersporne heute früh im Gewächshaus besuchte, fand ich in einem der Töpfe doch tatsächlich eine Nacktschnecke vor. Eine noch ziemlich unterkühlte, vom Winter geschwächte Nacktschnecke zwar, aber halt doch eine, die durchaus in der Lage gewesen wäre, meine ganze Arbeit mit ihren Kauwerkzeugen zunichte zu machen.

Nun, das Vieh ist natürlich im hohen Bogen aus dem Gewächshaus geflogen und die Pflänzchen schweben jetzt in einem ausgedienten Hängeregal hoch über den Beeten.

Was man halt so tun muss, um nicht noch einen Rittersporn-losen Sommer erleben zu müssen …